Kora im Buddhismus: Die Magie des rituellen Umrundens der Boudha Stupa
Das pulsierende Herz des tibetischen Buddhismus in Kathmandu: Blick auf die mächtige weiße Kuppel der Boudha Stupa, umgeben von Gebetsfahnen und dem täglichen Strom der Pilger. | Foto: © Janine Beck
Die Boudha Stupa (auch bekannt als Boudhanath-Stupa) in Kathmandu ist eine der bedeutendsten spirituellen Stätten und Pilgerziele des tibetischen Buddhismus weltweit. Gemeinsam mit der berühmten Tempelanlage Swayambhunath gehört dieses imposante Bauwerk seit 1979 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Doch was macht diesen Ort so magisch und welche Rituale prägen den Alltag der Menschen vor Ort?
📿 Was ist eine Kora im Buddhismus?
Eine Kora (tibetisch: སྐོར་ར།, Wylie: skor ra, für „Umrundung“ oder „Kreislauf“) ist eine rituelle Pilger- und Meditationspraxis im tibetischen Buddhismus. Gläubige umrunden dabei heilige Objekte wie Stupas, Tempel, Klöster oder heilige Berge (z. B. den Berg Kailash) stets im Uhrzeigersinn. Ziel des Rituals ist es, negatives Karma zu reinigen, spirituelle Verdienste (punya) anzuhäufen und ein tieferes Verständnis der buddhistischen Lehre (Dharma) zu erlangen.
Runden, Rituale und Reflexionen
Vor ein paar Tagen schrieb uns Pema, eine unserer Teilnehmerinnen in Nepal, dass sie am frühen Morgen viele Koras um die Boudha Stupa gelaufen ist. Weißt du spontan, was das bedeutet?
Ich muss ehrlich gestehen: Vor einiger Zeit hätte ich es auch noch nicht gewusst. Weder, was genau eine Stupa ist, noch was es bedeutet, eine Kora zu laufen. Nach meinen Reisen und der Arbeit mit unserem Verein Hey Freeda e.V. in Nepal möchte ich diesen faszinierenden Brauch und die tiefe Symbolik dahinter mit dir teilen.
Warum läuft man Kora? Die spirituelle Bedeutung
Die Kora ist im tibetischen Buddhismus weit mehr als ein einfacher Spaziergang. Sie ist ein tägliches Ritual und fester Bestandteil des Alltags in Nepal und Tibet.
Beim bewussten Umrunden des Heiligtums konzentrieren sich die Menschen auf das Hier und Jetzt. Die Praxis dient verschiedenen spirituellen Zwecken:
Karma reinigen: Durch die bewusste Bewegung und die Ausrichtung des Geistes soll negatives Karma aus diesem und früheren Leben bereinigt werden.
Verdienste sammeln (Sanskrit: Punya): Gute Taten und heilsame Gedanken während der Kora mehren das spirituelle Wohlbefinden und bringen den Praktizierenden der Erleuchtung näher.
Dharma verinnerlichen: Das Umrunden erinnert an den Kreislauf des Lebens (Samsara) und die Lehren des Buddha.
Gedenken an geliebte Menschen: Viele Buddhistinnen und Buddhisten widmen die gelaufenen Runden und die dabei entstandenen Verdienste kranken Familienmitgliedern oder Verstorbenen. 💜
Während des Gehens rezitieren die Pilger Mantras (wie das bekannte Om Mani Padme Hum), meditieren und drehen mit der rechten Hand die am Wegesrand angebrachten Gebetsmühlen.
Das rituelle Umrunden einer Stupa: Neben dem Drehen der Gebetsmühlen praktizieren einige Pilgerinnen und Pilger die extreme Form der Niederwerfung der Länge nach auf dem Boden. | Foto: © Janine Beck
Wichtige Regeln beim Laufen einer Kora
Wenn du selbst einmal die Boudhanath Stupa in Kathmandu besuchst, solltest du die folgenden traditionellen Regeln beachten:
Immer im Uhrzeigersinn: Heiligtümer im Buddhismus werden aus Respekt ausnahmslos im Uhrzeigersinn (in rechter Richtung, also pradakshina) umrundet. Das bedeutet, das Objekt befindet sich immer zu deiner Rechten. (Im Gegensatz dazu umrunden Anhänger der Bön-Religion Stätten gegen den Uhrzeigersinn).
Die Anzahl der Runden: Wie viele Runden du läufst, bleibt dir überlassen. Traditionell gilt jedoch: Mindestens 3 Runden sollten es sein. 108 Runden stellen das höchste spirituelle Ziel dar und werden oft an heiligen Feiertagen absolviert.
Körperliche Hingabe: Die extremen Praktiken der Niederwerfung
Neben dem ruhigen Gehen und dem Drehen der Gebetsmühlen sieht man an der Boudhanath Stupa auch Pilgerinnen und Pilger, die eine extreme Form der Kora praktizieren: die Niederwerfung (tibetisch: kyangchag).
Dabei werfen sich die Gläubigen der Länge nach flach auf den Boden, strecken die Arme nach vorne aus, berühren mit der Stirn die Erde, richten sich wieder auf, treten einen Schritt vor und wiederholen den gesamten Ablauf. Sie messen den gesamten Umfang der Stupas (ca. 400 bis 500 Meter) mit der Länge ihres eigenen Körpers aus.
Es ist eine körperlich extrem anstrengende und schmerzhafte Praxis der Demut, mit der tiefstes Mitgefühl und die Überwindung des Egos ausgedrückt werden.
Die geheimnisvolle Zahl 108 im Buddhismus und Hinduismus
Die Stupa von Boudhanath wird von genau 108 kleinen Nischen mit Buddha-Statuen und Gebetsmühlen umgeben. Warum spielt ausgerechnet die Zahl 108 eine so zentrale Rolle?
Im Buddhismus und anderen östlichen Philosophien wie dem Hinduismus und dem Yoga gilt die 108 als heilige und kosmische Zahl. Sie symbolisiert die Ganzheit der Existenz:
1 – Repräsentiert die Einheit von allem, das göttliche Prinzip oder die Singularität.
0 – Steht für die Leere (Sunyata), die Formlosigkeit und den Raum, der alles ermöglicht.
8 – Symbolisiert die Unendlichkeit (die liegende Acht) und das ewige Rad der Lehre.
Wo begegnet uns die 108 noch?
Die Mala (Gebetskette): Eine klassische buddhistische oder hinduistische Gebetskette besteht aus genau 108 Perlen plus einer Guru-Perle.
Die heiligen Schriften: Die gesammelten Lehren Buddhas (der tibetische Kangyur) umfassen traditionell 108 Bände.
Geistige Gifte: Im tibetischen Buddhismus geht man von 108 irdischen Leidenschaften, Begierden und Trübungen des Geistes aus, die es zu überwinden gilt.
Tempelglocken: In Japan wird das neue Jahr in zen-buddhistischen Tempeln traditionell mit 108 Glockenschlägen eingeläutet, um die 108 weltlichen Sünden symbolisch fortzuspülen.
Lieblingsplatz: Die Stupa von Boudhanath in Kathmandu.
Praktische Reisetipps für deinen Besuch der Boudha Stupa
Mit einer Höhe von 36 Metern ist die Boudha Stupa eine der größten Stupas der Welt. Der Platz herum ist quirlig, bunt und voller Energie. Hier sind einige Tipps für deinen Besuch:
Die beste Uhrzeit: Komm am besten in der Morgen- oder Abenddämmerung. Dann ist die spirituelle Atmosphäre am intensivsten. Du hörst die tiefen Gesänge der Mönche aus den umliegenden Klöstern, nimmst den Duft des feinen Räucherwerks wahr und läufst Seite an Seite mit hunderten tibetischen und nepalesischen Pilgern.
Respektvolle Kleidung: Da es sich um ein aktives Heiligtum handelt, sollten Schultern und Knie bedeckt sein.
Unterstütze die Locals: Der Weg um die Stupa ist gesäumt von kleinen tibetischen Handwerksläden, Cafés und Restaurants. Ein Besuch auf einer der Dachterrassen belohnt dich mit einem fantastischen Blick auf das bunte Treiben von oben.
Mitgefühl in Aktion: Wie du Frauenrechte in Nepal unterstützen kannst
Das Laufen einer Kora erinnert uns daran, dass wir alle Teil eines größeren Ganzen sind. Im Buddhismus ist Mitgefühl (Karuna) für alle fühlenden Wesen der Schlüssel zur Überwindung des Leidens.
Wir bei Hey Freeda e.V. übersetzen dieses Mitgefühl in konkrete Taten. Wir setzen uns in Nepal nachhaltig für Frauenrechte, Bildung und gesundheitliche Grundversorgung ein. Nur durch Bildung und wirtschaftliche Unabhängigkeit können Mädchen und Frauen in Nepal den Kreislauf der Abhängigkeit durchbrechen.
Wie du uns und die Frauen in Nepal unterstützen kannst:
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