Sturzflut in Nepal: Was über die Katastrophe bekannt ist
Stand: 18. September 2026, 13.30 Uhr MESZ • Der Beitrag wird ergänzt, wenn neue bestätigte Informationen vorliegen.
Wie unsere Unterstützung nach den ersten Hilfslieferungen weitergeht und warum wir auch Schulgebühren, Unterkünfte und laufende Ausbildungen finanzieren müssen, liest du im Folgebeitrag: Sechs Wochen nach der Sturzflut.
Foto und Video: © Indira Ghale
Mehr als drei Wochen nach der Sturzflut vom 26. August sind in Nepal 1.410 Todesopfer bestätigt; 6.145 Menschen gelten weiterhin als vermisst. Die Suche, Bergung und Identifizierung dauern an. 13.756 Menschen wurden bislang gerettet. Während in Teilen der betroffenen Gebiete der Unterricht wieder aufgenommen wurde, sind viele Menschen noch auf Notunterkünfte angewiesen, brauchen sauberes Trinkwasser, eine sichere Bleibe und verlässlichen Zugang zu Hilfe.
Die Zahlen der Vermissten wurden in den vergangenen Tagen deutlich nach oben korrigiert, nachdem Angaben aus verschiedenen Gemeinden zusammengeführt wurden. Von den bislang geborgenen Toten konnten erst 110 identifiziert und ihren Familien übergeben werden.
Diese Angaben beziehen sich auf Nepal. Für Tibet melden chinesische Behörden zusätzlich 43 Tote und 519 Vermisste.
Was die Flut ausgelöst hat
Nach der vorläufigen Einschätzung des US Geological Survey ging die Katastrophe von einem plötzlichen Hangversagen mit Beteiligung eines Gletschers im Langtang-Nationalpark nahe der Grenze zu China aus. Wasser und Geröll erreichten über das Flusssystem des Lhende Khola und Trishuli bewohnte Gebiete flussabwärts.
Satellitenbilder und die bisherigen Einschätzungen von Fachleuten deuten auf eine Kette von Ereignissen hin: Fels und Gletschereis stürzten ins Tal, blockierten den Fluss und lösten anschließend eine Flut aus Wasser, Schlamm und Geröll aus. Das zunächst als Erdbeben gemeldete Signal wurde laut Kathmandu Post vom USGS später dem Gletscherabbruch selbst zugeordnet. Die genaue Ursache des Hangversagens und der gesamte Ablauf sind noch nicht abschließend geklärt.
Wo die Schäden entstanden sind
In Rasuwa, Nuwakot und Dhading wurden Häuser, Straßen, Brücken und Wasserkraftanlagen sowie Wasser- und Kommunikationssysteme beschädigt oder zerstört. Einige Orte waren auf dem Landweg nicht mehr erreichbar.
Nach einer am 3. September von Reuters veröffentlichten vorläufigen Schätzung müssen etwa 20.000 Häuser neu gebaut werden. Rund 7.500 waren vollständig zerstört; weitere Gebäude sind nicht mehr bewohnbar.
Die Flut trug Menschen weit flussabwärts. Tote wurden deshalb auch in Chitwan, Gorkha, Tanahun sowie Nawalparasi East und West geborgen. Unter den Vermissten befinden sich Bewohnerinnen und Bewohner der betroffenen Orte, Beschäftigte von Wasserkraftanlagen, Sicherheitskräfte und Reisende. Armee, Polizei und Armed Police Force suchen entlang der Flüsse und in schwer erreichbaren Gebieten.
Die Versorgung wird schrittweise wiederhergestellt. Nach den am 7. September veröffentlichten Regierungsangaben haben inzwischen mehr als 78 Prozent der Haushalte in Rasuwa, über 96 Prozent in Nuwakot und mehr als 99 Prozent in Dhading wieder Strom. Fast 98 Prozent der beschädigten Mobilfunkmasten wurden wieder in Betrieb genommen. Zerstörte Straßen erschweren weiterhin den Transport von Hilfsgütern und schwerem Gerät.
Für abgelegene Orte ist die Lage deutlich schwieriger. Aus Amachhodingmo in Rasuwa berichteten Einwohner und die Gemeindeleitung am 7. September, dass Lebensmittelvorräte aufgebraucht und die Verbindungen zu Märkten unterbrochen sind. Hilfslieferungen per Hubschrauber reichen nach ihren Angaben nicht aus. Auch der Zugang zu medizinischer Behandlung ist eingeschränkt.
UNOSAT stellt satellitengestützt erfasste Flutfolgen in einer interaktiven Karte dar. Aktuelle Hochwasserinformationen veröffentlicht Nepals Department of Hydrology and Meteorology.
Analyse: United Nations Satellite Centre (UNOSAT). Satellitendaten: Contains modified Copernicus Sentinel data [2026]; © Planet Labs Inc. (2026).
Die Suche in den Wasserkraftanlagen geht weiter
Am Freitag, 4. September, wurden zwei Arbeiter neun Tage nach der Flut lebend aus einem Tunnel des Wasserkraftprojekts Upper Trishuli 3A gerettet. Am Samstag folgte die Rettung eines chinesischen Beschäftigten aus einem Tunnel von Upper Trishuli 1. Damit wurden an diesen beiden Tagen drei Menschen lebend aus Tunneln geborgen.
Die nepalesische Armee präzisierte am 7. September die bisherigen Angaben zu den Eingeschlossenen: Rund 900 Menschen, die mit den betroffenen Wasserkraftprojekten in Verbindung stehen, waren zunächst als vermisst gemeldet worden. Nach Einschätzung der Armee könnten sich etwa 121 Menschen in den Tunneln befinden. Ob und wie viele von ihnen noch leben, ist nicht bekannt. Die Armee kündigte an, die Suche bis zur Öffnung und Untersuchung aller Tunnel fortzusetzen, sofern die Regierung den Einsatz nicht zuvor beendet.
Kinder brauchen Trinkwasser, Unterricht und verlässliche Betreuung
Nach Angaben von UNICEF vom 3. September benötigen mindestens 22.000 Kinder dringend sauberes Trinkwasser, Sanitäranlagen und Hygieneversorgung. Beschädigte Wassersysteme und Toiletten sowie die enge Unterbringung vieler Familien erhöhen das Risiko von Infektionskrankheiten.
Eine aktuelle Erhebung des nepalesischen Bildungsministeriums zeigt, dass die Flut den Schulalltag von mehr als 14.500 Kindern an 63 Bildungseinrichtungen in Rasuwa, Nuwakot und Dhading beeinträchtigt. 9.430 Schülerinnen und Schüler sind direkt betroffen, weil sie Angehörige, ihr Zuhause oder ihre Schule verloren haben. 1.372 Schülerinnen und Schüler wurden vertrieben. Fast 500 eingeschulte Kinder gelten weiterhin als vermisst.
34 Bildungseinrichtungen wurden beschädigt. Betroffen sind 45 Gebäude mit 268 Klassenräumen; elf Schulen sind wegen Schäden oder Sicherheitsrisiken vollständig geschlossen, vier weitere vorübergehend. Gleichzeitig werden 28 der 29 temporären Notunterkünfte in den drei Distrikten in Schulgebäuden betrieben. Das erschwert die Rückkehr zum regulären Unterricht. Die Regierung plant deshalb 68 temporäre Lernzentren; 13 davon wurden bereits eingerichtet.
Neben dem Unterricht wird auch die psychische Belastung der Kinder zunehmend sichtbar. UNICEF schätzt, dass mindestens 17.000 Kinder psychologische und psychosoziale Unterstützung benötigen. 541 Kinder sind unbegleitet oder von ihren Familien getrennt und brauchen besonderen Schutz. 18 von ihnen konnten bislang wieder mit ihren Familien zusammengeführt werden. UNICEF und seine Partner betreiben 18 kinderfreundliche Schutz- und Betreuungsräume, in denen Kinder spielen, lernen und psychosoziale Unterstützung erhalten.
Privatsphäre gehört zum Kinderschutz
Auf unseren Fotos und Videos machen wir die Gesichter der Frauen und Kinder, die Hilfe erhalten, unkenntlich. Wir möchten euch zeigen, wie Change Action Nepal die Hilfe organisiert und eure Spenden eingesetzt werden. Gleichzeitig schützen wir die Privatsphäre der Menschen auf den Bildern. Gerade Kinder sollen nicht noch Jahre später über Aufnahmen auffindbar sein, die sie in dieser Ausnahmesituation zeigen.
Was Frauen, Schwangere und Mütter jetzt brauchen
UN Women schätzt, dass in Rasuwa und Nuwakot 157.050 Frauen und Mädchen direkt oder indirekt von der Flut betroffen sind. Rund 43.000 benötigen nach Einschätzung der Organisation dringend Hilfe. Frauen aus den besonders stark getroffenen Gemeinden nennen Lebensmittel und sauberes Wasser als vordringlich.
Der UN-Bevölkerungsfonds UNFPA schätzt, dass etwa 5.030 Schwangere von der Flut betroffen sind. Rund 750 von ihnen könnten in den kommenden drei Monaten eine geburtshilfliche Notfallversorgung benötigen. UNFPA warnt außerdem vor erhöhten Risiken geschlechtsspezifischer Gewalt und vor einem erhöhten Risiko von Kinderehen bei heranwachsenden Mädchen. Überfüllte Unterkünfte, der Verlust von Einkommen und Dokumenten sowie unterbrochene soziale Schutznetze verschärfen die Lage.
Was Frauen in den Unterkünften brauchen, beschreiben sie gegenüber der Kathmandu Post sehr konkret: einen ungestörten Platz zum Stillen und Waschen, ausreichend und regelmäßig Essen sowie geeignete Mahlzeiten für ihre kleinen Kinder. Dazu kommt die Sorge, bei medizinischen Komplikationen kein Krankenhaus erreichen zu können.
UN Women fordert, Frauen und von Frauen geführte Organisationen gleichberechtigt an Entscheidungen über Hilfe und Wiederaufbau zu beteiligen. Auch unsere Partnerorganisation Change Action Nepal wird von Frauen geführt. Unter der Leitung von Indira Ghale organisiert das Team die Hilfe vor Ort.
Change Action Nepal beim Verteilen der Hilfsgüter nach der Sturzflut. | Foto: © CAN
Wie CAN und Hey Freeda jetzt helfen
Indira Ghale und das Team von Change Action Nepal sprechen mit den Frauen vor Ort darüber, was sie jetzt brauchen. Sie kaufen ein, packen die Hilfspakete und organisieren die Verteilung gemeinsam mit den lokalen Behörden. Genau dafür sammeln wir Spenden: für Trinkwasser, Lebensmittel, Kleidung und Hygieneartikel, medizinische Versorgung und sichere Unterkünfte für Frauen und Mädchen sowie die Kinder, für die sie sorgen.
Die ersten Hilfspakete sind bereits verteilt, die nächste Lieferung wird gerade vorbereitet.
Change Action Nepal bereitet Hilfspakete für Frauen, Mütter und Kinder in Nuwakot und Rasuwa vor. | Foto: © CAN
CAN stellt drei Arten von Hilfspaketen für die Verteilung in Nuwakot und Rasuwa zusammen: Pakete für Frauen, für Schwangere und Mütter sowie für Kinder. Inhalt und Zusammenstellung richten sich nach dem jeweiligen Bedarf. Zusätzlich verteilt das Team Solarleuchten. In die Kinderpakete kommt auch Spielzeug.
Fertig gepackte Hilfspakete für die Verteilung in Nuwakot und Rasuwa. Zu sehen ist nur ein Teil der Hilfsgüter. Hinzu kommen Lebensmittel, Trinkwasser, Kochgeschirr, Decken, Schlafmatten, Schuhe, Solarleuchten und Medikamente. Für die Kinder packt das Team außerdem einen Zauberwürfel ein. | Foto: © CAN
Wo eine Rückkehr nicht möglich ist, finanzieren wir vorübergehend sichere Unterkünfte für alleinstehende und alleinerziehende Frauen mit ihren Kindern sowie für Mädchen, die ihre Eltern verloren haben oder derzeit ohne ihre Sorgeberechtigten sind.
Change Action Nepal meldet aus den betroffenen Gebieten derzeit einen Bedarf von rund 3.000 Hilfspaketen. Der durchschnittliche Wert eines vollständigen Hilfspakets liegt bei etwa 100 Euro. Über die Hilfe vor Ort halten wir euch hier und in unserem WhatsApp-Kanal auf dem Laufenden.
20.000 Euro sind inzwischen zusammengekommen. Ich freue mich so unglaublich über eure Unterstützung und darüber, wie viel wir damit gemeinsam mit CAN finanzieren können: weitere Hilfspakete, medizinische Versorgung und sichere Unterkünfte für Frauen und Mädchen. Danke für eure Spenden, fürs Weitererzählen und für euer Vertrauen in unsere Arbeit.
Unterstütze Frauen und Mädchen nach der Flut in Nepal
Unser Spendenkonto
Hey Freeda e.V.
Sparkasse Nürnberg
IBAN: DE89 7605 0101 0015 1713 66
BIC: SSKNDE77XXX
Verwendungszweck: Nothilfe Nepal
Hier kannst du via Betterplace spenden
Quellen: Reuters: Schäden, Opferzahlen und Suche nach Vermissten • The Kathmandu Post: Ursache der Sturzflut, Rettungsarbeiten, Situation in den Wasserkraftanlagen sowie aktuelle Folgen für Schulen und Schülerinnen und Schüler • UNICEF: Trinkwasser, Sanitärversorgung, Kinderschutz und psychosoziale Unterstützung • UN Women: Folgen der Flut für Frauen und Mädchen • UNFPA: Situation von Schwangeren, medizinische Versorgung und Schutzrisiken für Frauen und Mädchen • UNOSAT: Satellitengestützte Analyse der Flutfolgen • IFRC: Nothilfe und humanitäre Lage

