Chepang in Nepal: Drei Stunden Schulweg, jeden Tag
Letzte Aktualisierung: Juli 2026 • Lesezeit: 7 Minuten
Zum Schutz der Beteiligten nennen wir nur Initialen. Die vollständigen Fallberichte liegen uns vor. Alle abgebildeten Personen bzw. ihre Erziehungsberechtigten haben der Veröffentlichung der Fotos zugestimmt.
Als dieses Foto entsteht, haben viele der Kinder bereits einen langen Abstieg aus den umliegenden Bergen hinter sich. | Foto: © Janine Beck
Die Chepang gehören zu den am stärksten marginalisierten indigenen Gemeinschaften Nepals. In den Hügeln des Distrikts Chitwan leben die Familien weit verstreut – in Hütten, zu denen keine Straße führt. Ein zentraler Treffpunkt ist die Schule; viele Kinder erreichen sie erst nach einem stundenlangen Fußmarsch. Neben Bildung bekommen sie hier auch ein warmes Mittagessen, oft die einzige Mahlzeit des Tages. Ein Bericht darüber, wie eng Armut, Kinderehe und Bildungszugang zusammenhängen.
Wo die Straße endet
Die Kinder stehen in Reihen vor dem Schulgebäude, als wir Anfang Mai ankommen. Sie kichern schüchtern, einige winken uns zu. Hinter den weiß getünchten Häusern mit roten Dächern steigt der bewaldete Hang fast senkrecht auf. Eine Schülerin in blauer Uniform tritt vor und legt uns Phool Malas um den Hals – Blütenketten, geflochten aus Blüten des leuchtend roten Schlafhibiskus. So heißt man in Nepal Gäste willkommen. Wir sind nach Chepang gekommen, um uns selbst ein Bild von der Lage der Kinder und Familien zu machen. Mit uns reist Rojina (19), aufgewachsen in einem Bergdorf ohne weiterführende Schule, mit zehn zum Lernen nach Kathmandu gezogen, heute auf dem Weg in ihre Ausbildung in Deutschland. Fast alle dieser Kinder sind an diesem Morgen aus den Hügeln herabgestiegen, in Schlappen, einige barfuß.
Nachbarinnen sind hier selten in Sichtweite. Die Hütten der Chepang liegen verstreut in den Bergen. | Foto: © Janine Beck
Wer sind die Chepang?
In den Bergen hängen dicke Wolken, es regnet immer wieder – Premonsun in Nepal. Straßen gibt es hier nur wenige. Wer von einem Haus zum nächsten will, folgt schmalen Pfaden zwischen terrassierten Maisfeldern und Felsabschnitten. Stromkabel enden weit unten im Tal; das Wasser kommt aus Quellflüssen oder aus angelieferten Wassertanks. Hier lebt das Volk der Chepang. Chepang heißt hier beides: die Gemeinschaft und die Landschaft, in der sie lebt.
Früher lebten viele Chepang-Familien halbnomadisch von der Jagd und vom Sammeln. Jetzt liegen ihre Häuser verstreut in den Bergen. Dorfgemeinschaften im klassischen Sinne existieren nicht, nur verstreute Familienverbände. Wenn die Ernte der kleinen Hangterrassen nicht reicht, sichern Yamswurzeln aus dem Wald oder Tagelohnarbeit im Tal das Überleben.
DIE CHEPANG AUF EINEN BLICK
Rund 84.000 Menschen zählen sich zu den Chepang, einer tibeto-birmanischen Gemeinschaft – etwa 0,3 Prozent der Bevölkerung Nepals (Volkszählung 2021). Die meisten leben in den Distrikten Chitwan, Makwanpur, Dhading und Gorkha. In Erhebungen zu Alphabetisierung und Gesundheitsversorgung belegen sie seit Jahren die hinteren Plätze.
Die Jüngsten im Klassenzimmer. An der Wand hängen zwei Alphabete – Nepali und Englisch. | Foto: © Janine Beck
Was es hier trotzdem gibt: eine kleine Schule. Sie steht an einem zentralen Treffpunkt der Gemeinschaft und ist – anders als die abgelegenen Hütten – mit dem Auto erreichbar. Zusammen mit der zweiten Schule in Thimura bei Bharatpur lernen dort rund 200 Chepang-Kinder. Die Schülerzahlen steigen jedes Jahr.
Als wir die Kinder in den Klassenzimmern besuchen, geht draußen ein Wolkenbruch nieder. Der Regen hämmert so laut auf das Wellblechdach, dass wir unser eigenes Wort nicht mehr verstehen. In den Bänken sitzen Kinder in ihren Uniformen. Zwei besitzt jedes Kind: In einer schlafen sie, in der anderen gehen sie zur Schule. Die Kleinsten tragen gar keine – Uniformen in ihren Größen gibt es nicht.
Ein Stück des Schulwegs. Die Kinder gehen ihn zweimal am Tag.
drei Stunden zu Fuß, jeden Tag
50 bis 60 dieser Kinder wohnen hoch in den Hügeln. Ihr Schultag beginnt mit dem Abstieg und endet mit dem Aufstieg – zusammen mindestens drei Stunden, jeden Tag. Ein Schulbus fährt hier nicht; zu den Häusern führt keine Straße: „Die Kinder laufen drei Stunden am Tag über die Hügelwege – und sie haben nicht einmal Schuhe. In der Regenzeit ist der Auf- und Abstieg für sie sehr schwer", schreibt unser Kontakt vor Ort.
Das Muster kennen wir inzwischen: Suna und Puja aus Ashrang sind dieselben drei Stunden gelaufen, bevor wir ihnen einen Internatsplatz finanzieren konnten. Warum die Kinder hier trotzdem jeden Morgen losgehen? In der Schule gibt es etwas zu essen. Der Reis kocht in einem Metalltopf über offenem Feuer, gestreckt mit Instantnudeln. Für viele ist es die einzige Mahlzeit des Tages. Der Hunger bringt sie ins Klassenzimmer, und die Schülerzahlen steigen. Jedes Jahr.
Manche Eltern kommen selbst zur Schule, um ihre Kinder abzuholen – und in der Hoffnung, dass etwas Reis für sie übrig bleibt.
Das ist die Schulküche, ein Topf über offenem Feuer. Auf dem Speiseplan steht Reis, gestreckt mit Instantnudeln – täglich. Für viele Kinder ist es die einzige Mahlzeit des Tages. | Foto: © Janine Beck
Kinderehe: mit 13 verheiratet, mit 14 Mutter
Nach nepalesischem Recht sind Eheschließungen unter 20 Jahren verboten. Durchgesetzt wird das Gesetz vor allem in abgelegenen Regionen selten: Nach der aktuellen UNICEF-Erhebung wurden 28 Prozent der jungen Frauen vor dem 18. Geburtstag verheiratet. Dieselben Daten zeigen, wie eng das mit dem Schulbesuch zusammenhängt: Über alle Generationen betrachtet liegt der Anteil unter Frauen ohne Schulbildung bei 52 Prozent – unter Frauen mit weiterführender Schulbildung bei 6 Prozent.
Auch bei den Chepang gilt die Frühehe als das gravierendste soziale Problem der Gemeinschaft. Was das konkret heißt, zeigen uns zwei junge Frauen, die wir vor Ort treffen:
A. ist 18. Bis zur fünften Klasse geht sie zur Schule. Mit 13 wird sie verheiratet, mit 14 bekommt sie ihr erstes Kind – ihr Sohn ist heute vier. Die Familie lebt von einem kleinen Feld, das kaum Ertrag bringt. Mutter und Kind sind gesundheitlich angeschlagen.
An. ist 16. Sie schafft es bis zur zehnten Klasse – weiter als die meisten Mädchen ihrer Generation. Mit 15 wird sie verheiratet. Jetzt ist sie schwanger und kann sich die Nahrung, die sie gerade bräuchte, nicht leisten.
Die Abfolge wiederholt sich: Frühe Heirat beendet die Schulzeit. Frühe Schwangerschaften beeinträchtigen die Gesundheit. Ohne Abschluss fehlt die Möglichkeit für ein eigenes Einkommen, und die Armut geht an die nächste Generation über.
Auch in der Gemeinschaft erzählt man uns: Wo Kinder zur Schule gehen, werden weniger Mädchen früh verheiratet.
Auf dem Schulhof in Thimura. Zeit zum Zuhören gehört zu jedem Besuch. | Foto: © Stephan Beck
Wenn das Klassenzimmer der sicherste Ort ist
An der Schule in Thimura treffen wir Kinder, bei denen nicht der Schulweg den Schulbesuch bedroht, sondern das Zuhause:
S. (11) und So. (4) sind Schwestern. Vor einem Jahr verloren sie ihre Mutter, der Vater hat wieder geheiratet. Im Haushalt fehlt es an Essen, Kleidung und Zuwendung.
K. (8) wächst ohne Vater auf – er starb an einer Krankheit, deren Behandlung sich die Familie nicht leisten konnte. Ihre 25-jährige Mutter arbeitet im Tagelohn, wenn es Arbeit gibt, und versorgt daneben K.s vierjährigen Bruder.
Ag. (5) hat ebenfalls ihren Vater verloren. Das Einkommen ihrer Mutter: ein kleines Maisfeld.
Drei weitere Mädchen (10 und 11 Jahre) leben bei Verwandten, weil sie zu Hause nach der Wiederheirat ihrer Eltern nicht gut behandelt werden.
Für diese Kinder ist die Schule die verlässlichste Struktur ihres Alltags – und der Ort mit der oft einzigen Mahlzeit des Tages. Wie schnell so ein Halt wegbrechen kann, haben wir im Frühjahr bei der Räumung der informellen Siedlung Thapathali in Kathmandu erlebt.
Pause an der Schule in Thimura. Für manche dieser Mädchen ist die Schule der verlässlichste Ort, den sie haben. | Foto: © Janine Beck
Wie es weitergeht
Viele Fragen haben wir aus Chepang mitgenommen: Wie lässt sich das Essen an den Schulen verbessern – weg vom gestreckten Reis, hin zu einer vollwertigen Mahlzeit mit Gemüse und Proteinen? Was brauchen Mädchen, damit ihre Schulzeit mit einem Abschluss endet – und nicht mit einer Heirat? Und wie überstehen die Kinder den langen Schulweg, wenn der Monsun die Pfade aufweicht?
An den Antworten arbeiten wir gerade. Sobald sie belastbar sind, erfahrt ihr es hier und im Newsletter erfahrt ihr es hier und in unserem WhatsApp-Kanal, wenn ihr es zuerst wissen wollt.
Denn eines haben wir beim Abschied fest versprochen: Wir kommen wieder. Und wenn wir wiederkommen, wollen wir mehr mitbringen als Fragen.
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Häufige Fragen zu den Chepang in Nepal
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Die Chepang sind eine indigene, tibeto-birmanische Gemeinschaft in den Hügeln Zentralnepals. Laut Volkszählung 2021 gibt es rund 84.000 Chepang. Historisch lebten sie halbnomadisch von Jagd und Sammeln, heute überwiegend von Subsistenzlandwirtschaft, Tagelohnarbeit und dem Sammeln von Wildpflanzen.
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Vor allem in den Distrikten Chitwan, Makwanpur, Dhading und Gorkha in Zentralnepal – häufig in verstreuten Siedlungen in den Hügeln, ohne Straßenanbindung, Strom- oder Wasserversorgung.
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Sozioökonomische Studien zählen die Chepang zu den am stärksten benachteiligten Gruppen Nepals: Die Alphabetisierungsrate ist besonders niedrig, der Zugang zu Schulen, Gesundheitsversorgung und Infrastruktur stark eingeschränkt, und viele Familien leben unterhalb der Armutsgrenze.
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Nach nepalesischem Recht gilt jede Eheschließung vor dem vollendeten 20. Lebensjahr als Kinderehe. Trotz Verbots ist die Praxis in abgelegenen Regionen weiterhin verbreitet.
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Hey Freeda prüft derzeit ein Projektkonzept für die beiden Schulen der Gemeinschaft. Bis zur Entscheidung kannst du unsere laufende Arbeit für Mädchen und Frauen in Nepal mit einer → Mitgliedschaft unterstützen (50 Euro im Jahr, ermäßigt 5 Euro, Fördermitgliedschaft ab 100 Euro) – oder unseren Newsletter abonnieren, um die Entscheidung nicht zu verpassen.
Zum Empfang gab es Blütenketten, zum Abschied dieses Lächeln. Vor ihr liegen anderthalb Stunden Fußmarsch im strömenden Regen. | Foto: © Janine Beck
Quellen: UNICEF • Ministry of Health and Population Nepal • National Statistics Office (NSO) Nepal •

