Der Abriss von Thapathali zerstörte weit mehr als nur Wellblechhütten

 

Einen Tag vor der Räumung: Ein mühsam aufgebautes Zuhause in Thapathali. Am nächsten Morgen verloren die Menschen hier ihr Obdach. | Foto: © Janine Beck

Eigentlich wollte ich von der unglaublichen Stärke am Ufer des Bagmati erzählen. Von 400 Menschen auf engstem Raum. 117 Kinder. Einem Fluss, dessen Wasser grau und zäh in der Hitze stinkt. Und von den Beeten vor dem Wellblech, von kleinen Zicklein im Schlamm und den liebevoll hergerichteten Häuschen. Und von den Frauen, die dich anlachen, dir Wasser anbieten und ihre bunten Stoffe in brütender Hitze bügeln, so als gäbe es den ganzen Mist drumherum überhaupt nicht. Einer Schule, kaum größer als ein Wohnzimmer. Die Kinder spielen – gerade sind Ferien in Nepal, doch dieser Raum ist auch in dieser Zeit ihr Ankerpunkt.

Noch während ich schrieb, kam eine Nachricht von Indira Ghale von Change Action Nepal:„The slum is going to be demolished by the government. We are there right now, picking up the material. Everyone is very afraid."

Es war der 23. April 2026, 22 Uhr in Nepal.


 
 

Der Tag, an dem die Bagger kamen

Am nächsten Morgen ließ die Stadtverwaltung in Kathmandu die Siedlung in Thapathali räumen. An einem einzigen Vormittag rissen die Bagger rund 144 Hütten nieder. Hunderte Familien verloren ihr Obdach. Unter ihnen waren Kinder, Mütter, die ihre Familien versorgen, und Gemeinschaften, die sich über Jahre hinweg eigene Strukturen für Bildung, Betreuung und Arbeit aufgebaut hatten.

Was an diesem Tag zerstört wurde, war nicht nur Wellblech und Holz. Es war ein funktionierendes, wenn auch fragiles System aus Schutz und Zukunftsperspektiven. Vor vielen Hütten hatten die Familien kleine Gemüsegärten angelegt, zwischen den engen Gassen lebten Katzen, Hühner, und Ziegen, sogar Kühe habe ich dort gesehen, als ich einen Tag vor der Räumung durch die Siedlung ging. Mit den Planierraupen verschwanden nicht nur Dächer, sondern ein mühsam aufgebautes, lebendiges Ökosystem der Selbstversorgung.

Räumungsarbeiten am Bagmati-Ufer in Kathmandu, Thapathali

Räumungsarbeiten am Ufer des Bagmati. | Foto: © Indira Ghale

Warum geräumt wurde

Die Räumungen standen im Kontext der neuen Regierungsagenda unter Premierminister Balendra Shah und der seit Jahren umstrittenen Politik gegenüber informellen Siedlungen an den Flussufern Kathmandus. Die Stadtverwaltung Kathmandu begründete dies mit Umwelt- und Hochwasserschutz und berief sich auf ein Urteil des Obersten Gerichtshofs von 2024, das die Räumung anordnete.

Die Familien erhielten nur 24 Stunden Vorwarnung. Zwar kündigte die Regierung einen Tag vor der Räumung an, “verifizierte Landlose” würden umgesiedelt und erhielten monatlich 15.000 Rupien (je nach Tageskurs ca. 100 Euro) Mietbeihilfe. Doch in der Praxis entstand ein bürokratisches Chaos: Während die Stadtverwaltung Fakten schuf, verwies die nationale Landkommission auf fehlende Register zur Verifizierung. Über 1,2 Millionen Menschen warten landesweit auf Anerkennung als Landlose – die Kommission hat seit 2015 nur 142.000 Zertifikate ausgestellt.

Das Ergebnis: Allein in Thapathali und Manohara wurden über 900 Unterkünfte zerstört – hunderte Familien verloren ihr Zuhause, ohne dass ihnen eine konkrete Alternative angeboten wurde. Ohne echte Umsiedlungsstrukturen wird dieses Vorgehen von internationalen Beobachtern als gravierende Menschenrechtsverletzung in Nepal eingestuft. Die Räumungen setzten sich in weiteren Siedlungen fort: Sinamangal, Jadibuti, Balkhu. Die UN dokumentierte zwei Todesfälle im Zusammenhang mit den Räumungen und spricht von mehreren tausend Vertriebenen. Sie forderte Nepal auf, die Zwangsräumungen zu stoppen.

Ein aufgeräumter, provisorischer Klassenraum aus Holz. An den Wänden sind das Alphabet und Zahlen als liebevolle Lernhilfe aufgemalt.

Dieser kleine Raum bot Schutz und Zukunft für viele Kinder. | Foto: © Janine Beck

Klassenzimmer im Schutt

Mitten in der Siedlung gab es eine kleine Schule – gleichzeitig der einzige Ort, an dem Kinder tagsüber betreut wurden und eine warme Mahlzeit bekamen, während ihre Mütter arbeiten gingen.

Der plötzliche Abriss änderte alles. Schulbücher, Hefte und das Wenige, was die Kinder besaßen, blieben unter den Trümmern zurück. Viele Kinder sind seit der Vertreibung nicht mehr in den Unterricht zurückgekehrt. Nicht, weil sie nicht lernen wollen, sondern weil ihnen die Stabilität fehlt, um überhaupt an Schule zu denken.

Eine Lehrerin beschrieb die Situation mit leisen Worten: „Sie fehlen nicht einfach im Unterricht. Ihnen fehlt die Sicherheit, um überhaupt dorthin gehen zu können.“

Für die Mütter bedeutet das eine doppelte Last: Sie müssen ihre Kinder nun entweder auf gefährliche Baustellen und Arbeitsplätze mitnehmen oder ihre Arbeit ganz aufgeben. Der Verlust der Betreuung ist für sie der unmittelbare Verlust ihrer wirtschaftlichen Existenz.

Der Eingang zur hölzernen Nähstube in der Siedlung Thapathali mit ordentlich abgestellten Schuhen vor der Tür und einem Buddha-Bild an der Wand.

Der Eingang zur Nähstube – hier sollten Kurtas und Sanitary Pads genäht werden. | Foto: © Janine Beck

Der gerissene Faden

Auch die kleine Nähstube wurde zerstört. Hier lernten Frauen, die noch nie zuvor ein eigenes Einkommen hatten, das Nähen. Ihr Plan: Kurtas und waschbare Sanitary Pads herzustellen und zu verkaufen. Es war der erste Schritt in die wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Nach der Räumung standen die Frauen wieder am Anfang. Unfertige Stoffe und Aufträge blieben im Schutt zurück. Die Räumung zerstörte ihre frisch aufgebaute Einkommensperspektive.

Protokoll eines Rückschlags

M. hatte gerade erst eine verlässliche Struktur für sich gefunden. Ihr jüngstes Kind war sicher in der Kinderbetreuung untergebracht, während sie an den Schneiderkursen teilnahm. Zum ersten Mal verdiente sie durch kleine Näharbeiten ein eigenes Einkommen. Es war nicht viel – aber es war ein Anfang und bedeutet wirtschaftliche Selbstbestimmung.

Die Bagger zerstörten ihre Unterkunft, ihren Ausbildungsplatz, die Kinderbetreuung und ihre ersten Aufträge. Da ihr Kind nun wieder durchgehend bei ihr ist, ist reguläre Arbeit für sie unmöglich geworden. Sie hält sich mit unregelmäßigen Gelegenheitsjobs über Wasser.

M. sagte mir: „Ich habe gelernt, auf meinen eigenen Beinen zu stehen. Jetzt versuche ich wieder, einfach nur zu überleben.“

Indira Ghale von Change Action Nepal umarmt tröstend ein betroffenes Kind während eine weinende Frau im Hintergrund ihr Gesicht verdeckt.

Trost im Chaos. | Foto: © CAN

Nothilfe ist nur das Pflaster

Dank eurer schnellen Unterstützung konnten wir innerhalb kürzester Zeit 2.673 Euro Spenden sammeln.

Die Hilfe ging dabei über die Siedlung Thapathali hinaus. Denn die Räumungen setzten sich fort: Nur einen Tag später wurden auch im Bereich Manohara unzählige Häuser und Hütten demoliert. Zusammen mit Change Action Nepal haben wir unter anderem 33 vertriebene Frauen mit voll ausgestatteten Dignity Kits (Kleidung, Unterwäsche, Hygieneartikel und Ncell-Telefonguthaben im Wert von je 5.000 Rupien) unterstützt.

Notfallpaket für betroffene Frauen der zerstörten Slums

Ein Dignity Kit sichert die Grundversorgung mit Hygieneartikeln und Kleidung. | Foto: © CAN

Konkret konnten wir durch eure Hilfe:

  • 33 Dignity Kits an betroffene Mädchen und Frauen verteilen.

  • Guthaben für Handys organisieren, damit die Familien den Kontakt zu Angehörigen nicht verlieren.

  • Wolle, Strick- und Häkelnadeln kaufen, damit einige der Frauen zumindest provisorisch weiterarbeiten und handarbeiten können.

Diese Akuthilfe war überlebenswichtig, aber sie ist abgeschlossen. Pflaster und Wolle lösen das strukturelle Problem nicht. Solange die Regierung keine funktionierenden Alternativen bietet, müssen wir langfristige Lösungen selbst schaffen.

Der nächste, entscheidende Schritt ist langfristige Bildung. Konkret bedeutet das für uns: Wir müssen für Mädchen wie die siebenjährige A., die ihr Zuhause in Thapathali verloren haben, einen festen, sicheren und guten Schulplatz finden und finanzieren.

Vom Pflaster zur Struktur: Wie du jetzt nachhaltig hilfst

Die Nothilfe hat den ersten Brand gelöscht. Jetzt geht es um die Struktur. Was die Bagger zerstört haben, müssen wir jetzt neu aufbauen. Nicht aus Holz und Wellblech, sondern durch langfristige Bildung. Begleite Mädchen wie A. auf ihrem Weg und gib ihnen die Stabilität zurück, die ihnen genommen wurde.

Unser Spendenkonto

Wenn du uns per Überweisung unterstützen möchtest, kannst du folgende Verbindung nutzen:

Empfänger: Hey Freeda e.V.

Spendenkonto: Sparkasse Nürnberg

IBAN: DE89760501010015171366

Hinweis: Spenden an uns sind steuerlich absetzbar. Bei Beträgen bis 300 € reicht dem Finanzamt dein Kontoauszug als vereinfachter Nachweis. Möchtest du eine Spendenbescheinigung für höhere Beträge, trag einfach deine Adresse im Verwendungszweck ein.

Du möchtest unsere Arbeit lieber erst einmal begleiten? Folge unserem WhatsApp-Kanal für Updates und Einblicke in unsere Projekte.

 
 

Antworten auf die Vertreibung aus Thapathali

  • Im April 2026 wurde die informelle Siedlung Thapathali am Bagmati-Ufer in Kathmandu geräumt. Rund 144 Haushalte verloren dabei ihre Unterkünfte. Die plötzliche Räumung schnitt die Bewohner abrupt von ihren mühsam aufgebauten sozialen und wirtschaftlichen Netzwerken ab.

  • Internationale Akteure wie Amnesty International und UN-Sonderberichterstatter:innen verweisen darauf, dass die Räumung ohne ausreichende vorherige Konsultation der Betroffenen und ohne die Bereitstellung von verlässlichem Ersatzwohnraum stattfand, was zu akuter Obdachlosigkeit und sozialer Härte führt.

  • Change Action Nepal (CAN) ist die lokale Partnerorganisation von Hey Freeda. Geleitet von Indira Ghale, unterstützt CAN die Familien vor Ort seit Jahren in den Bereichen Schutz, Bildung und Existenzsicherung und koordinierte die unmittelbare Nothilfe sowie die Verteilung von Dignity Kits in den betroffenen Siedlungsgebieten nach den Räumungen.

  • Dignity Kits sind spezifische Nothilfepakete für Frauen und Mädchen im Wert von je 5.000 nepalesischen Rupien (ca. 35 Euro). Sie sichern die grundlegende Hygiene und die persönliche Würde in Krisensituationen. Jedes Paket enthält:

    • Kleidung & Wäsche: 2 Hosen, 2 T-Shirts, 2 BHs, 2 Slips

    • Hygieneartikel: 2 Packungen Damenbinden, 2 Stück Seife, 1 Zahnbürste, 1 Zahnpasta

    • Kommunikation: 1 Mobilfunk-Guthabenkarte im Wert von 500 Rupien (damit die vertriebenen Frauen Kontakt zu ihren Angehörigen halten können)

  • Gemeinsam mit Change Action Nepal und den betroffenen Familien fordern wir:

    • Sichere Unterkünfte für alle vertriebenen Familien

    • Beschleunigte Verifizierung durch die Landkommission

    • Investitionen in staatliche Schulen (kleinere Klassen, bessere Ausstattung, psychosoziale Betreuung für traumatisierte Kinder)

    • Wiederaufbau der zerstörten Ausbildungsstrukturen für Frauen

    Diese Forderungen werden auch von UN-Menschenrechtsexpert:innen unterstützt. Bis sich die Strukturen ändern, helfen wir konkret mit Bildungs- und Ausbildungsprojekten.

 

Urheberrecht & Bildnutzung: Hinter diesen Fotos stehen echte Menschen in einer existenziellen Ausnahmesituation. Deshalb sind alle Bilder urheberrechtlich geschützt (© Indira Ghale, CAN und Janine Beck, Hey Freeda) und dürfen nicht ungefragt kopiert oder weiterverwendet werden. Du möchtest unser Material nutzen, um selbst auf die Lage in Nepal aufmerksam zu machen? Sehr gerne! Schreib uns einfach an. Gegen eine Spende für unseren Verein, stellen wir dir unsere hochauflösenden Originalfotos jederzeit und sehr gerne zur Verfügung.

Quellenhinweise: UN/OHCHR & Kathmandu Post

 
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